Ich bin musikalisch mit Beatles und Co. aufgewachsen und bin auch in den letzten Jahren auf den Geschmack von Pink Floyd und Dire Straits und vielen anderen gekommen. Festzustellen ist, dass die heutige Musik relativ generisch ist. Vor allem Pop. Don't get me wrong. Ich liebe meine "White Girl Music", mit Sabrina Carpenter, Olivia Rodrigo und Olivia Dean. Ich höre diese Musik gerne und viel, aber es ist nichts, was mich jetzt wirklich vom Hocker haut. Es ist für den Alltag perfekt. Aber ab und zu möchte ich mehr.
Und da kommt einer meiner Lieblingsartists ins Spiel. Raye. Ich hab vor zwei Jahren angefangen, Raye zu hören, und bin seitdem nicht mehr die gleiche Person, die ich davor mal war. Ich weiß gar nicht, wie ich es anders beschreiben soll, als: Diese Frau ist geisteskrank.
My 21st Century Blues
Mein Lieblingsalbum 2025 war without a doubt "My 21st Century Blues – Live at the Royal Albert Hall". Dieses Album... Ich glaub, es sagt aus, wie sehr ich dieses Album liebe, wenn ich euch sage, dass ich es nicht nur auf Spotify rauf und runter gehört hab, sondern mir auch die Schallplatte und die DVD zum Konzert gekauft hab und bereits vor einem Jahr einen langen Artikel für mein Zine geschrieben hab. Raye hat grundsätzlich einen sehr interessanten Stil. Sie hat eine Art Sprechgesang und unfassbare Vocals, kombiniert mit Jazz und R&B.
Zugegeben hat mich das originale Album am Anfang nicht sonderlich überzeugt, einfach weil ich diesen Stil nicht gewohnt war und zu dem Zeitpunkt nicht allzu viel in die Richtung gehört hab. Doch dann wurde mir auf YouTube die Royal Albert Hall Version von ihrem Song "Oscar Winning Tears" vorgeschlagen und was soll ich sagen? Das ist mit die beste Performance, die ich jemals gesehen hab. Rayes Gesang, begleitet von einem riesigen Orchester und riesigen Chor? Was will man mehr im Leben?
Die Bedeutung von Zeit und Leidenschaft
Ich hab mir dann den Rest vom Album angehört und hab seitdem nicht mehr aufgehört. Es wurde sich die Mühe gemacht, jeden Song einzeln zu arrangieren, und selbst Übergänge wurden extra für diese Performance geschrieben. Jeder, der mich kennt, sollte wissen, dass ich nichts auf der Welt lieber mag, als Dinge, in denen viel Arbeit steckt. Gerade in unserer heutigen Zeit, wo niemand eine hohe Aufmerksamkeitsspanne mehr hat und Effizienz den höchsten Stellenwert hat, finde ich es so unglaublich, wie viel Arbeit in diesem Werk steckt. Es gibt nichts auf dieser Welt, was kostbarer ist als Zeit. Das ist das Einzige, was wir (Normalsterbliche, die kein Kinderblut trinken) nicht beeinflussen können. Deswegen haben Dinge, in denen viel Zeit steckt, viel mehr Bedeutung, als Dinge, die schnell schnell irgendwie entstanden sind.
Ich merke das selbst in meinem Alltag. Mein Portfolio bedeutet mir so viel, weil ich nicht nur sehe, wie viel Arbeit in der Webseite steckt (von der Idee bis zum Konzept), sondern auch im Inhalt: Wie viele Projekte ich in meiner kurzen Designkarriere bisher gemacht hab, die Blogeinträge – die ich übrigens komplett ohne KI schreibe, also entschuldigt meine Grammatik oder schlechten Satzbau – und die kleinen Details wie Animationen oder mein KI-Chatbot. Es ist etwas, das zwar nicht perfekt ist, aber in dem viel Liebe und Gedanken stecken.
Und um jetzt den Bogen wieder zurück zu Raye zu spannen: Du merkst diese gleiche Leidenschaft bei ihr. Für kurzen Kontext: Raye konnte lange Zeit unter ihrem früheren Label "Polydor" keine, bzw. wenig Musik veröffentlichen und geriet dadurch – verständlicherweise – auf die falsche Bahn und griff dabei auf unterschiedliche Substanzen zurück. Jedoch hat sie sich nicht stoppen lassen und verließ ihr Label für "Re Sources", worunter sie dann 2023 ihr erstes Album veröffentlichen konnte. Darauf gewann sie bei den Brit Awards 2024 acht Auszeichnungen und ist damit der Artist, der in einem Jahr die meisten Auszeichnungen jemals bekam. Schaut euch gerne mal an, wie sie diese gewinnt. Da kommen einem die Tränen. Egal was Raye macht, man merkt, dass sie liebt, was sie tut, und dass sie unglaublich dankbar ist, da zu sein, wo sie ist.
Eine echte Hommage
Die Royal Albert Hall Performance ist auch besonders emotional für einen Artist, der dachte, niemals Musik machen zu können. Was für eine Ehre für so eine talentierte Frau. Was mich auch unglaublich berührt, sind ihre Outros zu ihren Alben. In "My 21st Century Blues" spricht sie mit dem Zuhörer für eine halbe Minute und dankt ihrem Team, nur um dann mit den Worten zu enden: "I waited 7 years for this. And now My 21st Century Blues is now ours. Forever. Till the next time. Lots of Love. Raye." Es ist so simpel, trotzdem macht es mich jedes Mal wieder emotional.
In ihrem zweiten Album "This Music may contain Hope" – wo ich mir WÄHREND dem ersten Anhören direkt die Schallplatte in ihrem Merchshop gekauft hab (was ich normalerweise niemals machen würde) – ist ihr letzter Song 6 Minuten lang und fängt auch zunächst normal an. Aber... Plötzlich fängt Raye an, für 4 Minuten jede einzelne Person namentlich aufzuzählen, die in irgendeiner Form an ihrem Album mitgearbeitet hat. Jede. Einzelne. Person. Es tut mir leid, aber wer macht sowas?
Montreux Jazz Festival 2026
Um jetzt aber endlich mal zu der eigentlichen Performance zu kommen, um die es gehen soll. Ich hab gestern ihren zwei Stunden langen Auftritt beim Montreux Jazz Festival 2026 angeschaut und ich bin so genervt, dass ich nicht dort war. Ich hatte sogar noch überlegt, Tickets zu kaufen. Das waren die besten zwei Stunden, die ich seit Langem hatte. Absolut unglaublich. Sie hat nicht nur ein paar Songs gesungen, sondern eine wirkliche Performance abgeliefert, mit kleinen Tanzeinlagen, Improvisation, fast völliger Livemusik und so viel Gefühl. Sie hatte zusätzlich einige Gäste dabei, darunter ihre Schwestern und Alicia Keys.
On a side note: Können wir bitte ein ganzes Album mit Alicia Keys und Raye haben? Diese zwei Frauen zusammen wären wohl mein musikalischer Tod. Um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht wirklich, was ich zu ihrer Performance sagen soll, außer: WOW. Wenn man mich kennt, weiß man, dass ich selten keine Worte zu etwas hab. Ich rede viel, wenn der Tag lang ist. Aber hier? Ich hab eine Sprachnachricht an eine Freundin geschickt, in der ich drei Minuten lang durchstammle. Alles, was ich sagen möchte, ist: Schaut sie euch bitte an und überzeugt euch selbst von dieser Göttlichkeit.
Ich dachte eigentlich, ich schau die Performance nur nebenbei, während ich paar Sachen mache, aber selbst der Anfang mit "Who knows where the time goes - Nina Simone Cover" hat mich so in den Bann gezogen, dass ich weinen könnte. So simpel, so wunderschön, so geschmackvoll. Dann mit "Beware... The South London Lover Boy" und "Skin & Bones" weiterzumachen – zwei meiner Lieblingssongs vom Album – hat dann die richtige Energie für das restliche Konzert gesetzt. Zu viel möchte ich gar nicht über die Performance schreiben, um es nicht zu spoilern.
(An meinen future Husband: Wenn du möchtest, dass ich dich heirate, geh mit mir auf ein Raye-Konzert!)
Einfach kreieren
Warum ich jetzt einen relativ langen Text nur über ein Konzert schreibe? Weil Raye genau die Person ist, die ich mal werden möchte. Ich hab nicht viele Vorbilder – außer meine Eltern und Schwester – aber boy oh boy ist Raye eins davon. Sie hat es geschafft, aus den tiefsten Tiefen rauszukommen und das zu machen, was sie am meisten liebt und schon immer machen wollte: Musik. Sie lässt sich von niemandem was sagen und hört nicht auf mögliche Kritiker. Sie ist einfach 100% sie selbst und deshalb ist sie auch so beliebt. Weil man das spürt. Und genau das Gleiche möchte ich machen: Das tun, was ich schon immer liebe: Handwerk.
Ich möchte Dinge machen, die Bedeutung haben, in denen Arbeit steckt, die ich vielleicht mal an meine Kinder geben kann. Das ist, was mich aktuell am meisten antreibt. Kreieren ist das Schönste, was ein Mensch machen kann, egal was es sein möge. Einfach kreieren.
P.S.: Wenn es diese Performance nicht irgendwann auf Spotify gibt, verklag ich alle und jeden.