Designer sagen gerne, es ist schwer für andere, aber noch viel schwerer für sich selbst zu designen. Ich dachte immer, das wäre eine Lüge – Ich kenne mich doch ganz gut und weiß was mir gefällt und was nicht. Genau... Das dachte ich.
Als ich angefangen habe meine Webseite bzw. mein dazugehöriges Corporate Design zu gestalten ist mir ganz schnell klar geworden, wie wenig ich mich selbst kenne. Man fängt an panisch nach Inspirationen im Internet zu suchen, die einem zusagen und die man so übernehmen kann. Das Pinterest Board wächst mit irgendwelchen Posts, die alle nicht zusammen passen, weil man ja irgendwie alles und nichts gleichzeitig schön findet. Man schaut sich Portolios und Webseiten an – bestenfalls noch von Awwwards als eine der besten Webseiten des Internets ausgezeichnet – und die Panik wächst. Plötzlich stellt man sich den Anspruch, dass die eigene Webseite auch auf Awwwards präsentiert werden muss, anders kann man sich ja nicht UX/UI Designer nennen.
Irgendwann sitzt man dann auf Figma, weil die eigengesetzte imaginäre Deadline immer näher rückt und hat einen leeren Frame vor sich. Ok, fangen wir einfach an. Welche Farben gefallen mir? Vielleicht Blau? Grün? Rot? Weinrot? Hellrot? Vielleicht doch den ganzen Regenbogen? Hier komme ich nicht weiter. Fonts... Fonts sind einfacher... ... Sans Serif oder Serif? Eine besondere Schrift für Überschriften? Überall die gleiche Schriftart?
Je weiter man denkt, desto schlimmer wird es. Welche Styles haben meine Buttons? Sollen sie animiert werden? Wie animiere ich Buttons? Welche Bilder benutze ich? Durch Copyright muss ich meine Bilder eigentlich selbst machen... Also ein Photoshooting... Wie krieg ich es hin, dass meine Bilder nicht gestellt, professionell, modern, aber auch mit Charakter aussehen? Ich will ja nicht nur einen Onepager haben... Das heißt ich brauch Unterseiten für meinen Blog – weil ich brauche ja einen Blog – und für meine Projekte.
In diesem Blogpost möchte ich meinen Prozess beschreiben, den es gebraucht hat um diese Webseite zu erstellen. Identitäts-Krisen sind hier vorprogrammiert.
Der Erste Entwurf
Ironisch jetzt zu sagen, dass der erste Entwurf der Webseite recht schnell stand. Ich hab mich daran erinnert, dass ich in der Oberstufe im Architektur-Kunstunterricht Bauhaus immer super interessant und toll fand. Also dachte ich: Ja, das passt sicherlich zu mir, so ein bisschen "Form follows Function doesn't hurt nobody". Beim eigentlichen Aufbau hab ich mich dann sehr darauf beschränken müssen, was ich dann eigentlich coden kann. Zu dem Zeitpunkt war KI noch nicht besonders gut darin und hat viele Fehler gemacht (so lange läuft dieses Projekt also schon...). Außerdem dachte ich, dass ich mit genug Ego und meinen selbst erlernten HTML und CSS Kenntnissen sicherlich eine stabile Webseite zusammenbauen kann. Gut, bei der letztlichen Umsetzung hat es dann schon daran gescheitert, das CSS File in der HTML zu verlinken, aber darüber muss man ja auch nicht sprechen... Wie lange ich in CSS saß und nicht verstanden habe, warum sich das Styling nicht ändert. Das hat für ein paar Minuten weh getan, muss ich ehrlich zugeben.
Als ich dann fertig mit dem Onepager war stellte ich mich den härtesten Kritikern, die ich habe: Meine Eltern und meine Schwester. Niemand sonst, würden mir ihre Gedanken komplett frei raus ohne Filter geben, wie meine Familie. Das macht Angst, ganz klar. Aber zumindest weiß ich, dass sie ehrlich sind und dass sie zu 94% Recht haben. Also präsentierte ich dann meine Webseite. Feedback war soweit nicht schlecht, jedoch meinte meine Schwester, dass die Webseite mich nicht repräsentiert... Stille... Paar Tränen... Identitäts-Krise... Leeres Figma Board und das drängende Bedürfnis meinen Mac aus dem Fenster zu werfen.
Das Soul-Searching
Jetzt fängt das "Soul-Searching" wirklich an. Ich kann den ganzen Prozess nur als eine "Outer-Body-Experience" beschreiben, also wie als wäre ich nicht mehr Herr meines eigenen Körpers. Man versucht, wie Doctor Strange den Geiste von seinem Körper zu trennen und rauszuzoomen. Wie bin ich als Person und wie will ich mich selbst präsentieren? Man schaut sich an welche Farben man im Alltag trägt, welche Musik man hört, welche Serien und Filme man toll findet, um daraus eventuell eine Designrichtung ableiten zu können. Aber was mach ich aus Weinrot, Beatles, Friends und Disney? Irgendwie ist das dann soweit gegangen, dass ich nicht mehr sicher war, ob ich die Musik, Filme und Kunst wirklich mochte, weil ich sie mochte. Vielleicht mochte ich sie nur, weil mir jemand gesagt hat, dass die Beatles und Pink Floyd mit die beste Musik jemals produziert haben und wer wäre ich, wenn ich sie dann nicht mögen würde? Vielleicht mochte ich Barrock Architektur nur, weil ich dann "fancy" und nicht wie jeder andere wäre. Man fängt also an, sich komplett selbst zu zerlegen und sich wie ein "Imposter" im eigenen Körper zu fühlen. Was ist, wenn ich mich selbst all die Jahre lang anlüge? Ich kann nicht ganz in Worte fassen, was das mit einen macht. Obwohl ich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels bereits 22 Jahre in diesem Leben als "ich" lebe kann man sich plötzlich über nichts mehr sicher sein.
Man kann nun noch viel tiefer in dieses Thema reingehen, wenn man das denn möchte. In der Ethik wird oft darüber gestritten, ob Menschen mit ihrem Charakter, Talent oder nicht-Talent, ihren Normen und Einstellungen geboren werden oder ob sie durch die Erlebnisse in ihrem Leben geprägt werden. Werden Serienmörder und Psychopaten als diese geboren oder werden sie zu solchen, weil ihr Vater sie in ihrer Kindheit geschlagen haben und sie in der Schule gemobbt wurden? Da sich in solchen Fragen nicht mal die bewandertsten Ethiker einig sind, kann ich da selbst nur meine eigene Meinung abgeben. Ich glaube, es ist teils teils. Ich bin schon der Meinung, dass im Erbgut einiges veranlagt werden kann, was die Entscheidungsfindung eines Individuums beeinflussen kann, jedoch glaube ich, dass die Erfahrungen im Leben viel prägender sind, als wir uns alle zugestehen wollen. Unser Unterbewusstsein ist faszinierend und wir werden es wahrscheinlich nie ganz verstehen können. Ich glaube, dass die kleinsten Dinge in unserem Alltag unser Verhalten maßgeblich verändern und beeinflussen. Von heute auf morgen hat man eine negative Assoziation mit der Farbe Grün, da ein Bekannter einen blöden Kommentar zu deiner Hose abgelassen hat und dieser zufällig ein grünes Oberteil anhatte. Das passiert oftmals nicht bewusst, sondern unbewusst. Der Körper ist darauf ausgelegt, sich selbst zu schützen – egal auf welche Art und Weise. Ein negativer Kommentar mag nicht schlimm sein, jedoch ist es für den Kopf ein Angriff. Worauf möchte ich jetzt hinaus? Ich glaube, jeder Mensch mag bestimmte Sachen wegen den Erfahrungen, die er damit gemacht hat. Ich verbinde die Beatles mit einer tollen Kindheit, mit Tagen am Strand in Italien, mit meinem alten Handy, auf das mein Vater noch mühevoll alle Musik laden musste, mit meinen Kopfhörern, die einen konstanten Wackelkontakt hatten und mit Solokonzerten mit "Long Tall Sally" für ein nicht-existierendes Publikum zu einer Zeit, zu der ich schon lange schlafen sollte. Das ist jetzt nur ein Beispiel. Aber mit allem, was ich mag, verbinde ich irgendetwas.
Die Stilrichtung
So... zurück zu meinem Portfolio der Hölle. Wie habe ich es jetzt endlich geschafft, mich auf eine Richtung zu einigen? Schwierig... Ich hab zunächst darauf geschaut, was ich im Alltag mache. Ich liebe die Farbe Weinrot. Ich trage sie gerne und oft und sie passt zu mir. Deswegen ist sie jetzt auch Teil des Corporate Designs. Ich bringe seit Jahren meine alte Sony Kamera zu Feierlichkeiten in der Freundesgruppe mit um Bilder zu machen. Einzige Regel: der Blitz muss immer an sein. Somit entstehen dann wunderbar authentische Bilder, die wir uns alle noch gerne anschauen. Das hat dann die Stilrichtung meines Bildsprache geprägt. Ich hab in früheren Designs gerne den Font Helvetica benutzt und hab sie extrem geliebt. Viele mögen sagen, sie sei basic, worauf ich erwiedere: Du bist basic... So gut kann ich übrigens mit Kritik umgehen... Egal. Jedenfalls hab ich dann Helvetica als meine Stammschrift eingeführt. Da ich jedoch nicht nur in die Moderne Richtung sondern zusätzlich in eine eher "Vintage-Richtung" – wenn man das so nennen kann – gehen wollte, habe ich mir zusätzlich eine Serifen Font gewünscht um meine Liebe zu Barrock und alter Architektur inkorporieren zu können. So bin ich dann auf die "Ortica" gestoßen. Mit viel Schweiß, Blut und Tränen hat sich dann aus diesen Korponenten ein Corporate Design entwickelt, das mir bis zum jetztigen Stand sehr gut gefällt.
Bin ich jetzt sicher, dass ich mein "Für-Immer-Design" gefunden hab... Nein. Aber das ist ok. Jeden Tag erlebt man viel zu viel, was einen dann für sein restliches Leben prägt. Man ist heute nicht mehr die gleiche Person, die man gestern war. Also warum sollte mein Design dann immer gleich aussehen? Der Prozess ist ja gerade das interessante und zeigt, wie man sich als Person ändert. Ist es trotzdem nervig, ständig von vorne anfangen zu müssen und nie sicher zu sein, dass man endlich fertig ist? Unglaublich. Ich will nicht wissen, wie viele Stunden, Wochen, Monate ich jetzt in dieses Projekt gesteckt habe, aber ich bin glücklich. Der Prozess hat mich mehr über mich selbst gelehrt, als jeder "Soul-Searching-Wochenendtrip" mir jemals hätte lernen können. Deswegen kann ich jedem nur wärmstens ans Herz legen sich selbst mit dem eigenen Design auseinanderzusetzen.
Was ich mal vor einer Zeit gelernt habe und mittlerweile auch fast jeden Tag pragtiziere: Man sollte nicht zu viel darüber nachdenken, ob die Entscheidungen, die man täglich trifft, richtig oder falsch sind – das wird man nur danach wissen – aber es ist wichtiger, wie man mit diesen Entscheidungen umgeht und was man aus ihnen macht.